tulpenrot — 29.10.09, 12:54:23

Trauer

Da liegt noch das Brot,
das ich mit dir teilen wollte.
Ich höre Musik,
die du so geliebt.
Ich betrachte die Fotos,
die auf unserem Spaziergang entstanden
und denk an die Pläne,
die unsere Phantasie beflügelten.
Doch deine Augen ruhen seit Tagen
und keiner weiß, wie lange noch.

tulpenrot — 29.10.09, 12:53:19

Sterben

Ein Winterwind hat dir den Atem genommen,
ein Abendhauch drückte deine Augen zu.
Kalt ist es und Nacht mitten am Tag.

Nun werde ich mein Brot wieder alleine essen,
den Wein mit niemandem teilen.
An den Rosen werde ich die Dornen zählen
und in die Stille lauschen, die meinen Namen kennt.

tulpenrot — 29.10.09, 12:48:33

Das Apfelbäumchen

Das Apfelbäumchen

Es war einmal ein Mann, der am Wegesrand ein wunderschönes Apfelbäumchen sah. Es blühte so üppig, und die Bienen summten darin so eifrig, dass er gebannt stehen blieb, lauschte und sich an dem erfrischenden Anblick erfreute. Das Bäumchen war so lieblich anzuschauen, dass es dem Mann ganz warm ums Herz wurde. Er dankte dem Himmel, der ihm die Augen für dieses Wunder geöffnet hatte, und ging dann still seines Weges.

Doch zu Hause überkam ihn ein solches Verlangen, einen Zweig von diesem Bäumchen sein eigen nennen zu können, dass er sofort wieder aufbrach, um das Bäumchen zu suchen. Er fand es auch ohne Umschweife, denn es war in der kurzen Zeit noch schöner geworden und leuchtete ihm in hellem Weißrosa schon von Ferne entgegen.
Voll Freude brach er einen blühenden Zweig ab und trug ihn stolz nach Hause.
Dort stellte er ihn in eine goldumrandete Porzellanvase, die kostbarste, die er hatte, und setzte sich an den Tisch, um den Zweig in Ruhe zu betrachten.

Kaum waren einige Minuten verstrichen, keimte erneut die Sehnsucht nach dem Apfelbäumchen auf, und er wünschte sich, dass ein weiterer Zweig sein Zimmer schmückte.
Er eilte zu dem Bäumchen, das inzwischen noch begehrenswerter aussah, brach einen Zweig und sogleich einen zweiten, weil er sich kaum satt sehen konnte an der Blütenpracht. Ein wenig zaghaft streichelte er die raue Rinde des Stammes, fühlte dessen Wärme und fand Zutrauen zu dem Baum.

Zu Hause freute er sich an der nun noch üppigeren Blütenpracht in seiner Vase. Ihm kam sein Schatz so edel vor, dass er dachte, Wasser sei für die Zweige nicht gut genug, er müsse es gegen Wein tauschen. Also holte er aus dem Keller einen edlen Tropfen und füllte ihn anstelle des Wassers in die Vase. Einen Schluck schenkte er sich selbst in ein Glas ein und trank sich zum Gelingen dieser Verschönerung seines Lebens selber zu.

Er tat alles mit solcher Emsigkeit, dass, obwohl der Zeiger der Uhr kaum vorangerückt war, es ihm wie eine Ewigkeit vorkam. Da fiel ihm ein, dass er den Tisch mit kostbaren Steinen schmücken könne, um die Anmut der Apfelblüten zu unterstreichen. Er suchte die schönsten aus und gruppierte sie um die Vase herum. In seinem Herzen jubelte es, aber er war dennoch voller Unruhe. Was, wenn das Apfelbäumchen seine Schönheit verlor, während er hier so beschaulich saß? Er konnte diesen Gedanken kaum ertragen, und so trieben ihn Sehnsucht und Liebe immer wieder zu dem Baum. Zweig um Zweig holte er zu sich, berührte den Stamm und die Äste, und war so angetan davon, dass er sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen konnte.

Erst im Morgengrauen fiel er in einen tiefen Schlaf. Er träumte von seinem Baum, dem reifen Blättergrün des Sommers, den Äpfeln, die er im Herbst an den Ästen finden werde, von der Winterruhe des Baumes und freute sich im Traum schon auf den nächsten Frühling. Alle Jahreszeiten erlebte er mit dem Baum und jede erfreute ihn.

Am nächsten Morgen erwachte er und stellte mit Erstaunen fest, dass sich alles um ihn herum verändert hatte. Es nebelte vor seinem Fenster, die Blätter hatten sich verfärbt, die Frühlingsblumen waren verblüht und an den Ästen reiften die ersten Früchte. Ein Schrecken durchfuhr seine Glieder, als er die Zweige seines Apfelbäumchens sah. Traurig steckten die kahlen Äste in der Vase, der Wein war verdunstet, die Blüten und Knospen abgefallen und vertrocknet, nur die Steine umsäumten den traurigen Anblick. Es war Herbst geworden. Verwundert fragte er sich, wie es dazu kam, dass er den Sommer verschlafen habe, ohne nach dem Apfelbäumchen gesehen zu haben. Er besann sich aber nicht lange, sondern machte sich eilig auf den Weg.

Kaum beachtete er unterwegs die herbstliche Pracht der Bäume, die ihm ihre Äste mit den bunten Blättern und ihren Früchten entgegenstreckten. Er hatte keine Zeit dafür, sondern zwang sich zur Eile. Je näher er seinem Ziel kam, desto unruhiger wurde er.

Schließlich erreichte er den Wegrand. Doch statt eines stattlichen Baumes erblickte er nur einen zerspaltenen dürren Stamm, der weder Blätter noch Früchte trug. Er lag umgestürzt am Wegesrand. Als der Mann mit nassen Augen den Stamm berührte, glitten seine Hände an einigen Stellen über kleine Zweige, die unter seinen Händen abbrachen. Der Baum hatte wohl versucht, neue Äste zu bilden, aber sie waren vertrocknet, weil ihnen das Wasser fehlte. Er kniete sich hin, umschlang den Stamm so weit er nur konnte und trauerte um sein Apfelbäumchen.

Eine geraume Zeit verharrte er so, bis er bemerkte, wie seine Finger klamm und sein Körper fast steif vor Kälte geworden waren. Tänzelnde Schneeflocken berührten sein Gesicht und flossen gemeinsam mit seinen Tränen die Wangen hinunter. Es war Winter geworden und er erhob sich, da er so nicht weiter liegen bleiben konnte. Gerade wollte er Abschied nehmen, als ihm ein Gedanke kam. Wenn nun das Apfelbäumchen schon so entwurzelt da lag, konnte er es ja ohne weiteres mit nach Hause nehmen. Dieser Gedanke gefiel ihm so sehr, dass er seine Kräfte zusammen nahm, das Bäumchen schulterte und mit großen schweren Schritten nach Hause ging.

Er legte das Stämmchen vorsichtig vor der Türe ab und ging in die Stube. Dort war es bitter kalt und dunkel. Erschöpft wickelte er sich in seine Decken, legte sich nieder und versuchte zu schlafen. Es gelang ihm jedoch nicht, denn der Mond schien durch sein Fenster, beleuchtete den Raum und streifte auch die Vase mit den dürren Zweigen. Und wie das Mondlicht so freundlich die Zweige umspielte, kam es dem Mann so vor, als ob sie ihm auffordernd zunickten. Er stand auf, nahm sie in seine Hände, und es überkam ihn auf einmal eine wundersame Wärme. Eine ganze Weile stand er einfach nur da und genoss dieses Gefühl.

Währendessen war der Mond weiter gewandert und beleuchtete den kalten Ofen so einladend, dass es dem Mann ganz natürlich erschien, die Zweige in den Ofen zu schichten und sie anzuzünden. Hell wurde es in der Stube und nach und nach auch etwas warm. Voller Freude bereitete der Mann sich über dem Feuer einen Tee, aß mit Genuss ein Brot und einen Käse dazu und gewann langsam seine Kräfte und seinen Mut zurück. Die Zweige knisterten im Feuer. Ihre Wärme tat ihm wohl. Gesättigt schlummerte der Mann tief und fest ein.

Als er erwachte, war es schon taghell. Der Schnee hatte über Nacht die Wiesen und Felder mit einem sanften Tuch bedeckt. Noch glühten die Reste der Zweige im seinem Ofen. Er betrachtete sie wehmütig. Dann erhob er sich, ging hinaus und ließ sich auf dem Stämmchen nieder. Ganz nah war ihm das Bäumchen und doch so fern. Nie wieder würde es blühen, nie wieder ihn mit seiner Helligkeit erfreuen. Er wusste, dass er in seinem Übermut alles zerstört hatte. Traurig schaute er in die Ferne und wünschte sich den Tod.

Unbemerkt hatte eine braun gescheckte Katze sich angeschlichen. Sie schaute ihn erwartungsvoll an, legte sich dann, als er nicht reagierte, zusammengerollt neben ihn auf den Baumstamm. Doch nach einer Weile wurde sie ihm lästig und er jagte sie mit einer unwirschen Handbewegung weg.
Schmetterlinge verweilten kurz und flatterten weiter, Wespen versuchten sich an dem Holz, eine Schar Ameisen hatte ihren Weg hierher gefunden, Pilze setzten ihre braunen, hellgrauen oder gelben Schirmchen auf. Das Stämmchen jedoch wurde morsch und zerfiel. Er bemerkte es angewidert und vermied den Blick, sondern schaute in die Ferne. Schon lange konnte er keinen Arm mehr heben, keinen Fuß mehr bewegen. Alles erstarrte in ihm. Er wurde wie ein Stein. Und eines Tages, als das morsche Stämmchen endgültig zerfiel, sah man auch ihn da liegen, von Moos überwuchert und von Brombeerranken entstellt



tulpenrot — 30.12.08, 20:34:31

Was bei den Menschen unmöglich ist, ist bei Gott möglich (Lukas 18,27)

Unmöglich bei Menschen - aber doch möglich!
Weshalb machst du so etwas, wurde ich kürzlich gefragt. Weshalb liest du in der Bibel, warum gehst du in den Gottesdienst? Weshalb predigst du? Was bringt das? Mach doch was Gescheiteres. Gib es doch auf. Und fange an zu leben! Das kann doch kein Leben sein - unmöglich!

Unmöglich sagen wir zu vielem, was uns umgibt. Unmöglich zu wissen für manche unter uns, wie eine Glühbirne funktioniert. Oder unser Telefon. Wissen wir, wie jeden Tag unser Strom in die Leitungen kommt? Oder wie können wir verstehen, dass man mit einer Null und einer Eins ganze Lexika mit Wissen füllen kann? Ganze Bibliotheken, Bilder und Töne erzeugen kann? Wissen wir, dass damit ein Computer, das Internet funktioniert?

All das war undenkbar vor einigen Jahrzehnten. Unsere Vorfahren wussten von all dem nichts! Man konnte noch nicht einmal davon träumen. Wenn man jemanden erwecken würde aus alter Zeit, dann würde er sagen: Unmöglich, dass man drahtlos mit einander kommuniziert, unmöglich, dass man fotografiert und ein Bild auf dem Bildschirm erscheint. Dass man übers Internet gleichzeitig mit 4 Leuten telefonieren und sich vernetzen kann. Unmöglich, dass man mit Mikrowellen kochen und backen kann. Dass man mit Laserstrahlen heilen, operieren kann. Unglaublich.

Wie viele Unmöglichkeiten umgeben uns? Wie viel unseres Lebens verstehen wir? Und gehen dennoch damit um, so ganz selbstverständlich? Wir leben, auch wenn wir nicht alles verstehen. Andere mögen es vielleicht verstehen. Aber wir?

Wir beobachten die Welt und wundern uns.
Manches kommt als Trick daher, verblüfft uns nur und es ist dennoch nichts dahinter - bestenfalls ein wenig Unterhaltung vielleicht. Manches zunächst Unerklärbare ist doch erklärbar, manches wird eines Tages erklärbar sein. Die Welt funktioniert - trotz der Rätsel, der Katastrophen, trotz des Unerklärlichen, trotz des Unmöglichen.

Wozu also braucht es Gott, der etwas möglich macht? Was sollte uns Menschen unmöglich sein? Ist es nicht eher eine Frage der Zeit, bis alle Rätsel gelöst sind? Ist es nicht eine Frage der Zeit, bis möglich ist, was uns heute unvorstellbar vorkommt?

Manches geht über unseren Horizont hinaus, manches geht uns über die Hutschnur. Wir verstehen nicht, was andere Menschen tun, wie sie reagieren - wie unmöglich sie sind.
Wie viele Unmöglichkeiten können wir ertragen?

Was bei den Menschen unmöglich ist, muss nicht unmöglich bleiben. Unser Wissensdurst treibt uns voran, unser Erfindergeist treibt Blüten, bringt Ergebnisse - gute und schlechte. Vieles Unmögliche wird möglich gemacht.
Selbst Humanität ist unter den Menschen nicht unmöglich. Auch Liebe ist nicht unmöglich. Der Mensch kann tatsächlich Unmögliches möglich machen.
„Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger“ hängt an mancher Bürotür. Alles eine Frage der Zeit. Alles eine Frage unseres Wollens und Könnens. Manche mission impossible wurde erfolgreich durchgeführt.

Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.
Lukas 18,27 (Jahreslosung.) Unmöglich für mich … dieses Wort aus der Bibel, diese Losung! Ich wiederhole: Einfach unmöglich! Geradezu ärgerlich.

Hab ich das richtig verstanden? Bei Gott sind alle Dinge möglich, die bei uns Menschen unmöglich sind? Ich mag dieses Losungswort nicht. Ein ganzes Jahr soll es mich womöglich ärgern. Ich mag es nicht, weil es hohe Erwartungen weckt - und meiner Ansicht nach ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Denn warten nicht Kranke vergeblich auf Gesundheit, ein Blinder auf sein Augenlicht? Ein Arbeitsloser bekommt doch keinen Cent mehr durch dieses Wort, der Streit mit dem eigenen Kind oder dem Nachbarn hört deswegen nicht auf - Gott macht so was doch nicht möglich. Die Ehe eines Freundes bleibt ein ewiger Kampf - das ist eher möglich, als dass es unmöglich ist. Wo greift Gott da ein? Kein einziger Krieg wird beendet, die Umwelt weiter zerstört. Hoffnungen zerplatzen.

Und Gott steht auf der Verliererseite. Er verliert an Glaubwürdigkeit - wie kann man so etwas behaupten, dass bei Gott alles möglich ist, was bei den Menschen unmöglich ist? Unter diesem Blickwinkel scheint Gott nicht allmächtig zu sein. Deswegen ärgert mich diese Textstelle. Ich mag sie nicht.

Was also ist auf jeden Fall unmöglich bei den Menschen und möglich bei Gott?
Was kann man erwarten? Was darf man erwarten? Wie hoch darf ich meine Hoffnungen ansetzen?
Wie immer schau ich mir die Bibelstelle genauer an. Und stelle fest: Diese Aussage macht Jesus selber. Das hat also Gewicht. Und alle drei Synoptiker haben sie fast wörtlich übernommen. Sind die nicht darüber gestolpert? Vor allem Lukas war doch ein gebildeter Mann! Hat er, haben sie keine Bedenken gehabt? Wieso kann Lukas so etwas in seinem Bericht über Jesus aufnehmen?

Lukas schreibt, wörtlich übersetzt:
„Das Unmögliche ist bei den Menschen, (hat seinen Ursprung bei den Menschen),
das Mögliche ist bei Gott (hat seinen Ursprung bei Gott).“
Es hört sich in meinen Ohren so an, als ob er sagen wolle: Die Menschen haben ihre Grenzen, aber bei Gott gibt es keine Grenzen.
Lukas schreibt sehr kunstvoll. Er ist ein intelligenter Mann. Es ist schön, ihn zu lesen - er benutzt hier ein rhetorisches Stilmittel: Er parallelisiert in ganz einfachen Sätzen.
Unmöglich - möglich
Mensch - Gott

Warum schreiben auch Markus und Matthäus fast dasselbe?
Markus schreibt:
„Bei den Menschen ist es unmöglich, nicht aber bei Gott. ALLES ist möglich bei Gott.“ Das ist ein wenig anders. Markus betont, dass Gott ALLES - und wirklich alles, möglich machen kann. Alles Erdenkliche. Alles Wunderbare, alles Unausdenkliche.

Und Matthäus betont:
„Bei den Menschen ist DIESES unmöglich,
bei Gott aber ist ALLES möglich.“
Hört sich fast so an, wie ein toller Werbespot!

Dabei erinnere ich mich daran, dass Lukas an anderer Stelle (1,34ff) schon einmal etwas Unmögliches berichtet. Er schreibt über Maria, die ihre Bedenken gegenüber dem Engel äußert, als er ihr verkündet, dass sie ein Kind erwarten wird. „Wie soll das geschehen, “ erwidert Maria erstaunt, „da ich von keinem Mann weiß? Unmöglich - ich kann doch kein Kind erwarten!“ Der Engel jedoch weist darauf hin, was Gott schon an Unmöglichem getan hat: Auch Elisabeth erwartet ein Kind in ihrem hohen Alter. Das ist nahezu unmöglich und doch wunderbar - das Unmögliche ist ein Wunder, das göttlichen Ursprunges ist. „Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ erklärt der Engel. Und Maria? Sie reagiert mit Hingabe: ich gehöre dem Herrn. Mir geschehe wie du gesagt hast.“ Eine tolle Reaktion.

Aber dieses Wort: Bei Gott sind alle Dinge möglich … das ist doch eine tolle Werbung für Gott! Meinen alle drei Autoren, dies sei ein gutes Motto: „Kommt her zu Gott, hier habt ihr alles, was ihr euch wünscht. Unser Gott ist für das Unmögliche zuständig, was ihr als Menschen nicht könnt. Er aber kann es.“? Kommen sie so plump daher? … Warum schreiben sie es?

Diese Zeilen sind ja nicht eine isolierte Aussage, die einfach je nach Gutdünken vielseitig verwendbar ist, sondern eine Geschichte gehört dazu. Eine Begegnungsgeschichte und eine Erklärung, die mit dem berühmten Satz unserer Losung endet.

Die unmögliche Geschichte
Zu Jesus kommt ein vornehmer, einflussreicher, wohlhabender junger Mann. Reich zu sein, und das in jungen Jahren, ist etwas Besonderes, es wurde als göttliche Belohnung angesehen für gutes und richtiges Handeln. Der junge Mann ist der beste Beweis dafür: Er hat nach eigener Aussage, alle Gebote gehalten: Er hat keinen Ehebruch begangen, er hat seinen Vater und seine Mutter geehrt, er hat nicht gemordet und nicht gestohlen. Er hat nichts Verleumderisches über andere gesagt. Und offensichtlich hat Gott ihn mit Reichtum und Ansehen bei den Menschen gesegnet. Er hat sich nichts vorzuwerfen.

Dennoch fragt er komischerweise Jesus: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu ererben?“ Sehnt er sich nach noch mehr Vollkommenheit? Oder ist er vielleicht auch sehr selbstsicher, und erwartet, dass Jesus ihn wegen seines untadeligen Lebenswandels lobt vor seinen Jüngern, in der Öffentlichkeit? Jesus antwortet sehr merkwürdig - obwohl er Sympathie für ihn hat - und wirft mit seinen Worten alle Maßstäbe über Bord. Er lobt ihn nicht, er würdigt nicht seine Verdienste, seine tolle Haltung und sein Pflichtbewusstsein, nein, sondern er sagt, er solle all seinen Besitz verkaufen und ihn den Armen geben! Das klingt unmöglich. Die Belohnung also gilt nichts? Den ehrbar erworbenen Reichtum soll er nicht behalten dürfen? Nicht genießen dürfen? Alles ist für die Armen, die nichts haben? Ja, es soll geteilt werden. Erst daran wird Vollkommenheit gemessen, nicht daran, wie gut jemand die Gebote einhält.

Die Gebote zu halten ist eigentlich selbstverständlich und nichts Besonderes und reicht bei weitem nicht, um ewiges Leben zu erlangen. Den Segen, der aus einem gottesfürchtigen Leben kommt, zu teilen - das hat Bedeutung vor Gott. Das ist Jesu Forderung an den jungen Mann.

Er war sehr reich - und er wurde sehr traurig durch diese Antwort. Ich denke, er war nicht allein deswegen traurig, dass er sich von seinem Reichtum trennen sollte, sondern weil er nicht so gut da stand, wie er erhofft hatte. Das, was ihn in Sicherheit wiegen ließ, zerfiel ihm zu einem Nichts. Er ist weit weg von Gottes Reich. Das war eine harte Nuss.

Auch die Zuhörer, die Jünger waren entsetzt über Jesu Antwort. Ja, sogar entmutigt: „Wer soll denn da das ewige Leben bekommen?“ fragen sie hilflos. Wer kann denn so ein Leben führen? Jesus steigert das Entsetzen noch durch einen zusätzlichen Vergleich: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr (geht ein dicker Strick durch ein Nadelöhr), als dass ein Reicher an Gottes Reich Anteil hat. Also einer, der allen Segen Gottes durch sein eigenes Rechttun nur für sich allein genießt, hat an Gottes Reich keinen Anteil. Es ist einfach unmöglich, das ein solcher Mensch in Gottes Reich kommt, dass er ewiges Leben ererbt. Kein Mensch kann das auf diesem Weg erreichen. Unmöglich! Der Mensch hat keine Möglichkeiten, vollkommen zu werden, das Reich Gottes durch das Einhalten von Geboten zu ererben. Der Reichtum, der Segen, der daraus kommt, ist keine Garantie.

Das ist unglaublich hart. Ich möchte am liebsten dem jungen Mann hinterher laufen. Ich möchte ihm zurufen: „Verkauf es doch, teil es doch! Was du verlierst, ist mehr als dein Reichtum. Was du aber gewinnst, ist tausendmal mehr wert als aller Reichtum. Kehr um!“ Aber er ist gegangen - man weiß nicht, ob er zurückkam, ob er es sich überlegt hat. Jesus meint, die Reichen haben es schwerer als ein dickes Irgendwas durch ein Nadelöhr zu kommen. Eine Unmöglichkeit bei Menschen! Und dann kommt Jesu beruhigende Antwort: … aber möglich bei Gott.

Das Mögliche bei Gott
Dieses Mögliche ist ein merkwürdiges Wort. Ich will wissen, woher es kommt. Unsere neutestamentlichen Autoren verwenden ein Wort, das mit Dynamik verwandt ist. Das bedeutet, es hat mit Kraft und mit Macht zu tun. Es bedeutet: die Fähigkeit zu besitzen, etwas zu bewirken. Es sagt uns, Gott ist mächtig, er ist kraftvoll, er ist fähig.

Wo Menschen unfähig sind, da ist Gott fähig, wo Menschen ohnmächtig sind, da ist Gott mächtig. Wo Menschen schwach sind, da ist Gott stark. Gott zeigt seine göttliche Macht, wenn Menschen ins Reich Gottes kommen. Gott kann Menschenherzen bewegen, dass sie nicht traurig weggehen müssen und ihren Segen und Reichtum für sich behalten und dabei alles verlieren, sondern, dass sie umkehren und ihren Segen und Reichtum teilen und dabei alles gewinnen. Er kann sie erreichen - in ihrem stillen Kämmerlein, mitten im Gewühl, oder sonst wo. Sie sind seine Geschöpfe - und er verpasst keine Gelegenheit, ihnen nahe zukommen und sie anzusprechen: „Komm, folge mir nach.“ Solche Anrede Gottes verändert das Leben, solche Umkehr macht ein Leben erst wirklich reich - und das in alle Ewigkeit, über die irdischen Segnungen hinaus. Das Wort hat Sprengkraft, es ist Dynamit! Ein Mensch begreift: Ich kann reich werden durch Loslassen, ich kann ewiges Leben geschenkt bekommen, ohne es mir zu verdienen durch Einhalten der Gebote, sondern ich folge Jesus nach und teile, was ich habe mit anderen.
So also ist das Wort gemeint.
Kein Werbespot für Gott, kein zu kurz gegriffenes Versprechen, ALLES Mögliche von Gott zu erwarten.
Ein Wunder? - sicher.
Ein Wunder, das sich in einem Leben abspielt, das ein Zurück findet zu Gott. Das umkrempelt. Und anfängt, ein Leben zu ändern. Das ist bei Gott möglich - dazu hat er Kraft genug. Dazu ist er mächtig genug. Auch ein Reicher kann durchs Nadelöhr schlüpfen.

Ein unmöglicher Petrus zum Schluss
Dieses Problem also ist lösbar. Der junge Mann zwar ist gegangen, aber wir können Hoffnung haben, dass ihn Gott dennoch erreicht, dass er dennoch umkehrt. Die Jünger sind aber noch da, sie haben alles mit angehört. Sie haben sich entsetzt und ihre Antwort erhalten. Sie sollten also auch beruhigt sein. Da hält es Petrus nicht mehr länger aus. „Aber wir…!“ Ich schmücke die Stelle etwas aus. Ich stelle mir Petrus’ Stimmung aus einem Gemisch an Unsicherheit und Überheblichkeit vor. „Wir sind doch auf der richtigen Seite. Oder? Uns trifft doch dein Tadel nicht. Stimmt’s? Wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Du erinnerst dich? Das ist es doch, was du wolltest. Arm sein um deinetwillen, nichts für uns behalten, dir nachfolgen, mit dir sein. Nicht wahr, wir sind doch in Ordnung? Auf uns kannst du zählen.“

Ein bisschen unmöglich, ja anmaßend finde ich Petrus schon …Aber Jesus tadelt ihn nicht, übergeht geschickt diese Peinlichkeit. Er wandte sich seinen Jüngern zu und sagte: „Ich versichere euch: Niemand bleibt unbelohnt, der irgendetwas aufgibt, um die gute Nachricht verkünden zu können, dass Gott jetzt seine Herrschaft aufrichtet. Wer dafür etwas zurücklässt - sei es Haus, Frau, Geschwister oder Eltern oder Kinder - wird schon in dieser Welt ein Vielfaches davon wieder bekommen und in der kommenden Welt das ewige Leben.“ So wird also die Frage des jungen Mannes nach dem ewigen Leben beantwortet.

Es ist eine gute Antwort. Sie gilt auch uns, auch mir. Deswegen hab ich diese Predigt geschrieben, deswegen bin ich da und tue, was andere für unsinnig halten. Zusammen mit vielen anderen, die sich auch haben rufen lassen. Und wir predigen um Gottes Lohn! - und das ist nicht der Schlechteste!
Und obendrein bin ich nun auch ausgesöhnt mit der Jahreslosung.
Amen.

tulpenrot — 31.12.07, 22:00:25

Ich lebe und ihr sollt auch leben

Neujahrspredigt 2008

Liebe Zuhörer,

es ist ein schönes Wort, über das wir heute morgen nachdenken werden. Es ist auch schön, wenn ein Wort Gottes am Anfang eines neuen Jahres steht, wenn wir etwas Neues beginnen und eine neue Seite in unserem Leben anfangen – eines gemeinsamen Lebens. Denn anders als der Geburtstag, den jeder individuell begeht und ein neues Lebensjahr beginnt, fangen wir heute gemeinsam ein neues Jahr an, blättern eine neue Seite auf und beschreiben sie neu - mit unserem Leben. Es geht um unser Leben heute Morgen.

Ich lebe und ihr sollt auch leben (Joh.14, 19) hören wir heute. Dieses Wort steht im Johannesevangelium. Jesus sagt es. Erstaunlich viele Worte über das Leben stehen in diesem besonderen Evangelium des Johannes. Für Johannes war „Leben“ eines seiner Schlüsselworte. Er schreibt seine Texte genau deswegen: „Dieses hier ist aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und dadurch, dass ihr glaubt, Leben habt in seinem Namen.“ (Joh. 20, 31) „Ich lebe und ihr sollt auch leben“, sagt Jesus und Johannes hat es aufgeschrieben.

Was ist das aber: Das Leben?
Wenn wir uns umschauen begegnen uns unglaublich viele gescheite Sätze über das Leben.
-Leben ist flüchtig, es ist wie ein Grashalm, der verwelkt, wie ein
Tau der sich verzieht.
-Leben ist hart wie eine Nuss, die man knacken muss.
-Leben ist, was einem begegnet, während man auf seine Träume
wartet
-Du kannst Dein Leben nicht verlängern und Du kannst es auch
nicht verbreitern. Aber Du kannst es vertiefen! [Gorch Fock
(Johann Kinau 1880-1916)]
- Schon wegen der Neugier ist das Leben lebenswert.
- Leben ist: sich vergnügen, Spaß haben, ist Genuss,
- ist Gesundheit, alles in Fülle haben können, keinen Mangel leiden
- ist Muße haben für Schönes
- ist Frieden haben und keinen Streit
- ist satt werden und nicht hungern müssen, nicht in der Seele und
nicht am Leib
- sich an seiner Körperlichkeit freuen, Kraft haben
- ein Dach über dem Kopf haben, es warm haben, Kleidung haben
- Geschenke machen können

Leben ist: Jederzeit einen Liegestuhl zur Hand haben
wenn die Sonne scheint und einen Regenschirm, wenn es regnet.
einen Schal und eine Mütze, wenn es stürmt,
und einen Arm zum Unterhaken, wenn es uneben wird.

Leben heißt, Schuhe zu haben, um so weit zu laufen,
dass man in die Wolken greifen kann
und einen Rettungsring in der Nähe zu wissen, wenn man über Bord gegangen ist.

Leben ist Freunde zu haben, wenn man lauter Feinde um sich hat
und ein Handtuch zu haben, um sich den Schweiß abzuwischen, wenn es heiß her geht.

Leben heißt zur rechten Zeit den richtigen Brief im Postkasten zu haben und den Haustürschlüssel zu finden, wenn man es eilig hat.

Leben heißt natürlich noch viel mehr:
ein Kind trösten, einen Menschen begleiten, Geld verschenken an den, der Not leidet, Wunden verbinden und Freude teilen.

Leben heißt Lieben, nur ein Buchstabe mehr und wir sind bei einem wichtigen Gedanken angelangt, der für viele das Leben ausmacht. Sollte man so das Leben beschreiben? Leben heißt Lieben? Können wir so leben, dass die Liebe unsere Richtschnur ist? Oder ist das zuviel verlangt? Leben heißt Lieben, verkündet jemand großmundig und verlässt seine Frau. Für ihn endete die Liebe, die doch nie enden sollte. Alle reden von Liebe und alle versagen.
Meint Jesus also, ihr sollt lieben, so wie ich geliebt habe, wenn ihr lebt? Ist dieser Satz also ein moralischer Aufruf?

Siebzig, achtzig Jahre und mehr - oder weniger - dauert ein Leben
Früher zu biblischen Zeiten wurden die Leute älter, weiß man – aber man weiß auch, früher wurden die Leute nicht so alt. Was stimmt? Heißt Leben haben: alt werden? Gesund sein? Im Vollbesitz seiner Kräfte sein?

Was aber, wenn ein Leben nicht prall ist, wenn es dahinfließt, wenn es einem aus den Händen gleitet? Wenn man kaum leben kann? Wir werden immer wieder gefragt: Was macht ein Leben lebenswert? Wann ist ein Leben wertvoll?

Was weiß man über das Leben – wie ist es entstanden?
Was weiß man über das Geborenwerden, und über das Altwerden? Und über das Sterben? Einiges. Jedoch gewiss nicht alles. Leben ist ein Geheimnis. Voller Geheimnisse.
Es gibt so viele Fragen um das Leben und so viele Antworten, dass wir viele Morgen und viele predigten brauchen, um etwas davon zu bedenken. Wir brauchen unser ganzes Leben dazu! Heute morgen haben wir ein Wort aus der Bibel als Anhaltspunkt.

Ich lebe. Sagt Jesus.
Wann sagt er es? Warum sagt er es?
Und ihr sollt auch leben. Wem sagt er es?
Warum sagt er es? Was ist das überhaupt für ein Wort, für ein Ausspruch?
Ein Versprechen? Ja. Eine Verheißung? Ja. Ein Trost? Ja. Ein Vermächtnis.

Ich lebe und ihr sollt auch leben Joh.14,19

1. Was Jesus von sich sagt: „Ich lebe.“
Ich lebe, so schlicht sind diese beiden Worte. Ich lebe, sagt Jesus von sich – er sagt also: ich bin nicht tot.
Wenn ich dies lese, kommen mir Gedanken dazu, kommen mir Auslegungsmöglichkeiten in den Sinn. Es hört sich an, als ob Jesus sagte: Ich lebe jetzt, im Moment. Ich habe ebenso ein Leben hinter mir. Und ich habe ein Leben vor mir. Ich lebe ewig. Das Leben läuft mir nicht davon.
Ich habe kein mageres Leben, sondern in allem habe ich genügend, keinen Mangel, habe ich die Fülle des Lebens. Ich lebe, sagt Jesus von sich.

Jesu Leben war nicht leicht, als er auf dieser Erde war. Er hatte Feinde, er hatte Freunde. Er hat mit Menschen zu tun gehabt, die ihm zur Last und zur Freude wurden. Er hat sie reich gemacht. Er hat ihnen Gottes Reich gebracht und ein Ziel für ihr Leben, genauso wie er für sein Leben ein Ziel, eine Aufgabe hatte. Er sagte von sich, dass er das Leben überhaupt ist. In ihm war und ist alles vereinigt, was das Leben ausmacht.

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Joh. 14,6) sagt er von sich.
„Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben sollen.“ (Joh.10,11) sagt er ebenso.
„Ich bin das Brot des Lebens“ Joh. 6,35
„Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Joh.11,25
„Die Worte, die ich rede, sind Geist und Leben.“ Joh. 6,63

Jesus behauptet viel. Sein Anspruch ist hoch. Er war kein leichter Zeitgenosse, nicht immer hat man ihn verstanden, nicht alle waren ihm zugeneigt. „Wer dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen.“ Joh. 3,36 sagt er von sich. Das ist hart. Es besagt, dass man außerhalb von Jesus kein Leben findet. Das Leben zu haben ist mit ihm verbunden. Wer Jesus nicht hat, kann nicht leben. Er ist tot, obwohl er lebt.

Manch einer wendet nun ein: Leben ist doch außerhalb von einem Glauben an Jesus möglich, geht doch ohne ihn. Sehr gut sogar. Für manchen erscheint ein Leben außerhalb des Glaubens sogar logischer, moderner.
Wenn wir hier über das Leben nachdenken, ist etwas anderes gemeint als das Leben, das man üblicherweise so bezeichnet.

Im Griechischen, also der Sprache des neuen Testaments, gibt es für unser deutsches Wort „Leben“ zwei Worte: bios und zoä. Das eine bezeichnet das biologische Leben, das andere ist das unvergängliche, von Jesus geschenkte Leben. Nur in Gemeinschaft mit Gott gelingt dieses Leben. Paulus schreibt im Epheserbrief: „Ihr dürft nicht mehr so leben wie die Menschen, die Gott nicht kennen und deshalb von ihrem verkehrten Denken in die Irre geführt werden. Ihr Verstand ist verdunkelt, und sie haben keinen Zugang mehr zum wahren Leben, zu Gott (zu dem Leben, das aus Gott kommt).“ Eph.4,18
Gott ist die Quelle des unvergänglichen Lebens. Jesus hat es uns vorgelebt. In der völligen ungetrübten Gemeinschaft mit Gott lebte er und er ist daher das Leben selber.

Haben wir es verstanden, dass sein Leben eine andere Qualität hat? Dass dieses Leben von anderer Art ist?
Dabei hat er ganz alltäglich gelebt, hat Eltern gehabt, war ein Kind, ein junger Heranwachsender, hat einen Beruf gelernt, hat mit Menschen Kontakt gehabt, mit ihnen gefeiert und gegessen. Hat sich mit den gängigen theologischen Strömungen auseinander gesetzt. Aber er hat sich immer auch zurückgezogen, um mit Gott, seinem Vater intensive Gemeinschaft zu haben, auf ihn zu hören, hat gefastet und hat gebetet. Das war die Quelle für sein Leben. Daraus hat er geschöpft. Er hat sein Leben bewusst im Angesicht Gottes geführt. Und kannte seinen Willen und wollte ihn erfüllen. Das macht den Unterschied. Das macht das Leben Jesu anders.

Ich lebe und ihr sollt auch leben. Jesus sagt dieses Wort kurz vor seinem Tod. Es ist Teil der Abschiedsrede Jesu an seine Jünger.
Er beginnt seine Rede mit dem Satz: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Diese Rede, von Johannes aufgeschrieben, ist eine Trostrede an seine Jünger. Er bereitet sie vor, dass er zum Vater gehen wird, dass er nicht mehr sichtbar unter ihnen leben wird. Sie sollen sich nicht erschrecken. Sie sollen Vertrauen haben. Und das auch deswegen, weil er sagt: „Eine Weile noch, und die Welt sieht mich nicht mehr, ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet. An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch.“
Von solcher Qualität wird das Leben sein, von dem hier die Rede ist – eine ungetrübte Gemeinschaft, ein Einssein mit Gott, dem Vater und dem Sohn, Jesus.
So komme ich also zu dem Schluss: Gott zu (er)kennen heißt Leben. (Joh. 17,3) "Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen."

Ist das erstrebenswert? Was lockt daran? Ist es nicht besser, wir halten uns an etwas Sichtbares, Habbares, etwas, was uns näher liegt und nicht so überirdisch klingt?

Dabei ist es gar nicht so überirdisch, sondern wirkt sich ganz real aus.
„Ihr sollt auch leben“.


2. Was Jesus von uns sagt: „… und ihr sollt auch leben“
Mit der wachsenden Fähigkeit des Menschen, das biologische Leben zu beeinflussen und zu verlängern ist aber noch nichts über die Qualität dieses Lebens gesagt. Man sucht nach einem Sinn des Lebens, aber findet ihn selten. Ja, man findet sich chic darin zu sagen, dass das Leben sinnlos sei. Oder dass das Leben durch den Tod erst seinen Sinn bekäme. Flucht ins Vergnügen, gedankenloser Trott durch den Alltag oder Selbstmord oder Hilfe zur Selbsttötung sind Verirrungen unserer Zeit, die mit dem Leben nichts zu tun haben. Dem Leben feindlich gegenüber stehen, auch wenn man es anders deklariert und Etikettenschwindel betreibt.

Die einen sagen voller Inbrunst: "Lasst uns fressen und saufen, denn morgen sind wir tot"
Lasst uns leben und das Leben genießen, denn es hat ein Ende damit. Lasst uns nehmen, was das Leben bietet, denn wer weiß wie lange wir das noch können.
Mit vollen Händen sich bedienen. Sich ausleben. Das ist ihr Motto.

„Mich hat es verlassen, die Quelle lebendigen Wassers, und hat sich Brunnen gegraben, rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten.“ (Jer. 2,12) So beklagt sich Gott über Menschen, die sich von ihm abgewandt haben. Rissige Zisternen, die kein Wasser halten können – ein schönes Bild für jemanden, der Leben sucht, das ihm aber zwischen den Fingern zerrinnt. Er wird nicht satt davon, sein Lebensdurst wird nicht gelöscht und er kann eigentlich nicht leben.

Die anderen sagen voller Leidenschaft: "Wir müssen diese Welt so lebenswert wie möglich für alle machen, denn wir haben keine andere" Wir müssen uns anstrengen, wir haben es in der Hand, was aus unserem Leben und unserer Welt wird. Wir können nicht zusehen, wenn die Welt, die Lebensgrundlagen zerstört werden. Das ist sicher sehr verantwortungsvoll gedacht. Das ist unbedingt nötig und gehört zu unserem Auftrag – unsere Welt zu bewahren, unser Leben und das der anderen zu schützen. Dafür zu sorgen, dass mit der uns anvertrauten Schöpfung gut umgegangen wird. Dass wir uns bescheiden verhalten und keinen Raubbau betreiben. Dass wir unsere Grenzen kennen und sie nicht dauernd überschreiten. Dass wir mit unseren menschlichen Kräften und denen der Natur haushalten. Wir sind dazu berufen Haushalter zu sein. Dafür werden wir eines Tages zur Verantwortung gezogen: „Was hast du aus deinem Leben gemacht? Was hast du aus den dir anvertrauten Dingen gemacht?“ Und vor allem, was hast du in Liebe getan und was nicht?

Leben ist ein Geschenk Gottes und sollte in der Nachfolge Jesu gelebt werden .Das bedeutet nicht, dass man weltabgewandt leben muss und sich mit einem Leben nach dem Tod begnügt und vertröstet, sondern dass man sich für die Erhaltung und Gestaltung seines Lebens und das der Menschen um ihn herum interessiert

Aktionismus allein genügt nicht, auch wenn er erfolgreich ist, auch wenn er wohlgemeint ist. Den Blick allein auf die Veränderung und Verbesserung der Welt zu richten, ist nicht das Leben, von dem ich heute zu Ihnen reden möchte. Denn wir sind zwar in der Welt, aber nicht von dieser Welt. Ihr sollt auch leben hebt uns über die Belange der Welt hinaus.
In dem Textzusammenhang, in dem dieses Wort steht, spricht Jesus von der innigen Gemeinschaft, die er mit dem Vater hat, und in die wir mit eingebunden sein sollen. Er spricht davon, dass wir ihn erkennen sollen und er sich offenbaren will und er spricht davon, dass wir seine Gebote befolgen sollen, und ihm damit zeigen, dass wir ihn lieben. Darum geht es.

Ich frage mich, ob ein Leben auch dann lebenswert ist, wenn ein Mensch das alles nicht verwirklichen kann. Nicht alles ist perfekt in unserem Leben, wir machen Fehler, wir versagen in unseren Programmen und in unserer Liebe, manch einer fühlt sich an den Rand gedrängt, beschnitten in seinem Leben.
Es muss aber etwas geben, damit ein Leben auch dann lebenswert ist, wenn die äußeren Bedingungen unwirtlich sind. Ich finde, die Jahreslosung ist ein Trost, weil es uns über die materielle Sichtweise unseres Lebens hinausweist. Jesu Wort sagt, dass wir leben können, auch wenn wir sterben. Sein Wort umschließt das irdische Leben in all seiner Größe und in all seiner Schwäche und dazu das jenseitige Leben.

„Leben und Tod habe ich euch heute vorgelegt, Segen und Fluch. So erwähle nun das Leben, auf dass du am Leben bleibest, indem du den Herrn, deinen Gott, liebst, auf sein Wort hörst und dich fest an ihn hältst.“ (5. Mose 30,15 f)


3. Schlussgedanke: Und was kommt nach dem Leben?
Antwort: Neues Leben, von dem wir hier schon einen Vorgeschmack bekommen haben. Eines Tages dann wird unser Leben in seiner Vollendung sichtbar werden – in völliger Gemeinschaft mit Gott und den anderen Menschen.

Der russische Dichter Fjodor M. Dostojewski bekennt kurz vor seinem Tod: "Mein Leben geht zu Ende. Ich weiß und fühle es. Doch mit jedem sich neigenden Tag spür ich auch, wie mein irdisches Leben übergeht in ein neues, unendliches, unbekanntes Leben, dessen Vorgefühl meine Seele vor Entzücken erzittern lässt, meinen Geist erleuchtet und mein Herz vor Freude weinen macht."

„Wir gehen nicht vom Land der Lebendigen, zum Land der Sterbenden. Wir sind im Land der Sterbenden und versuchen in das Land der Lebendigen zu kommen", sagte ein Prediger.

Ich lasse zum Schluss Martin Luther zu Wort kommen. In seiner humorvoll trockenen Art nimmt er uns eine Last von den Schultern. Wir dürfen auch am Ende unseres Lebens aufatmen.

„Mir ist es bisher wegen angeborener Bosheit und Schwachheit
unmöglich gewesen, den Forderungen Gottes zu genügen.
Wenn ich nicht glauben darf, dass Gott mir um Christi willen
dies täglich beweinte Zurückbleiben vergebe, so ist’s aus mit
mir. Ich muss verzweifeln.
Aber das lass ich bleiben. Wie Judas an den Baum hängen, das
tu ich nicht. Ich hänge mich an den Hals oder Fuß Christi wie die
Sünderin.
Ob ich auch schlechter bin als diese, ich halte meinen Herrn
fest. Dann spricht er zum Vater: dieses Anhängsel muss auch
durch. Es hat zwar nichts gehalten und alle deine Gebote übertreten.
Vater, aber er hängt sich an mich. Was will ‘s! Ich starb
auch für ihn. Lass ihn durchschlupfen.
Das soll mein Glaube sein.”
Martin Luther
Amen

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